Art Happening #01: Gerüttelte, geschüttelte Demokratie

Und endlich war es soweit: Freitagabend, den 6. Mai 2016 wurde das 2. Festival für unangepasste Kunst eröffnet!

In der Eingangshalle empfingen zwei Phalli des Münchner Künstlerduos annanatascha die Besucher, dies nachdem ADLER A.F. die Besucher an der Kasse abfing und das Kunsthappening persönlich einleutete. Im Rücken der überlebensgroße, mächtige Phalli, der sich aus verschiedenen Phalli-Fotografien der Münchner Abguß-Sammlung zusammensetzte – eine Kampfansage an alle Kritiker der künstlerischen Freiheit schon zu Beginn der Ausstellung!

DSC03667_2

Unten im Keller hießen Schirmfrau und TrashQueen ADLER A.F. und die Co-Kuratorin Jessica Petraccaro-Goertsches/JPG die fast 130 Gäste in der ungewöhnlichen Münchner Galerie LUXESE herzlich willkommen, sie luden ein, im Zuge des Happenings die Betrachtung der ausgestellten Werke, sowie die (szenischen) Performances und Lesungen zum Thema Demokratie mitzugestalten.

.In seiner Eröffnungsrede zur Demokratie warnte der SPD-Vorsitzende des Bezirksausschusses Berg am Laim, Robert Kulzer, eindringlich vor dem wachsenden Einfluss rechtsextremer Strömungen in Europa und sprach sich ferner offen über gegenseitige Wahlüberraschungen aus: Nicht nur „die Wähler“ wunderten sich des öfteren über politische Entscheidungen, neuerdings wunderten sich auch Politiker über die Abstimmungen des Volkes.

DSC03743_2

Die TrashQueen selbst machte sich in ihrer Ansprache für die Demokratie stark und warnte: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!“ Weiter bezeichnete sie ironisch als größten Feind der Demokratie den Regen, weil dieser die Leute vom Wählen abhält. Mit ihrem für ihre Arbeit eher untypischen, weil farbenfrohen XXXL-Rupfnbild „So bunt war die Demokratie, es war nicht alles schlecht in der Demokratie“ lieferte ADLER A.F. zugleich Lobgesang und Nachruf auf die wahre Demokratie.

Am zweiten Tag des Festivals erklärte sie den Studierenden im Künstlergespräch ihre Arbeitsweise: So arbeitete die Künstlerin in diesen Großformaten mit langen Pinseln auf Baustellengerüsten und verwebte diverse Bedeutungsebenen via codierte Zeichensysteme.

Auffällig war die kuratorische Ausrichtung der Ausstellung: die Sehgewohnheiten auf den Kopf stellend, nahmen z.B. die bereits im ersten Blog erwähnten 40 Fenster (nun Teil der Installation „Nur in Fahrt spürst du den Gegenwind“) einen Großteil des Kellerraumes ein. Dieser Inszenierung ging es um „Transparenz in der Demokratie“ sowie „das Aufzeigen von neuen Wegen“ (das Öffnen von Fenstern und Türen). Andererseits stach eine riesige, quer durch den Raum gebaute Baustelle mit Absperrungsband, losen Kabeln, Paletten, Farbeimern und einer orangenen Farbspur ins Auge: Ein Malheur mit orangener Wandfarbe wurde kurzerhand von der Schirmfrau –frei nach dem Motto „trashiger, als verschüttete Farbe geht’s nicht“– in die Ausstellung integriert.

DSC03645_2 DSC03649 20160506_184307 DSC03675_2

Durch das Vernissage-Programm führte JPG, die selber mit der Installation „Merkels Raute an Münchner Mauer“ vertreten war, in der die Marburgerin eine neutrale Raute in Form eines aufgebogenen Parallellogrammes im vermeintlichen EU-Außenzaun fotografisch dokumentierte. Die Hände der Bundeskanzlerin schienen hier eine Öffnung in den Flüchtlingsabwehrzaun unserer Überflussgesellschaft zu biegen…

DSC03642_2 DSC03690_2

Die amerikanische Künstlerin Eva Kollmar beteiligte sich mit der Installation „Ein Altar für die Demokratie und Dada-Asamlight“. Ideenanreger war ein Zeitungsartikel über ein Naturvolk auf dem Gang zur Wahl gewesen. Die Menschen kamen in ihren besten Gewändern, mit Federn geschmückt und brachten dem „Gott der Wahl“ ihre Gaben in Form von Früchten dar, auch, um ihm Ehre zu erweisen. Mit den Farben der drei Objekte ganz außen nahm Kollmar ferner Bezug auf die Farben der Suffragetten-Frauenrechtsbewegung. Deren Anhängerinnen trugen Kleider in Violett für Würde sowie den Anspruch auf das Wahlrecht, in Weiß für die Unschuld und in Grün für die Hoffnung auf eine politische Reform und die Erteilung des Wahlrechts für Frauen. Angelehnt daran auch der Untertitel „Votewomenvote“! DSC03608_2DSC03612

Der die Installation stützende freihängende Draht verwies außerdem auf die Grenzzäune der aktuellen Flüchtlingsdebatte. Bedeutend auch dutzende aus Papier gefaltete Himmel-und-Hölle-Figuren, die Gedanken zur Demokratie enthielten; die Besucher waren dazu eingeladen, diese kleinen Faltspielfiguren, die überall in der Galerie verteilt waren, zu entfalten, deren prosaischen Inhalt durchzulesen und davon ausgehend miteinander zu diskutieren.

Mit den Parteifarben Deutschlands spielten die Polit- und Wahlwürfel Eleonora Hofers, die auf die allgemeine Politikverdrossenheit hinwiesen (ist Wählen wirklich nur gedankenloses würfeln?), aber auch Aufforderung und Anspruch an die Bürger waren, zukünftig bei wichtigen Thematiken persönlich Stellung zu beziehen.

DSC03735    DSC03636

 

DSC03702_2

Auf das aktuelle Zeitgeschehen reagierte selbstverständlich auch die TrashQueen in ihrer Performance „Dump Trump“ – ein Aufruf zur Stellungnahme in Form einer harten Abrechnung mit dem Populisten und seinesgleichen.

Und welchen politischen Verweis barg der Kickertisch? Keinen, die Kuratorinnen erinnerten damit an das Fußballwochenende.

 

DSC03745_2

Ebenfalls wörtlich zu nehmen war ADLER A.F.s Installation „Das Internet ist eine feige Sau, anonym beschimpfen geht gar nicht“, bei dem tatsächlich ein rosa Quietscheschwein die Adlersche Sozialkritik transportierte.

Demokratie funktioniert nur mit Wahlgängen, so eröffnete Lilly3,50 ihr eigenes Wahllokal, damit alle Gäste ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen konnten.

DSC03688_2     DSC03682_2

Die beiden Schwarzwälderinnen Roswitha Vallendor und Ulrike Finn prangerten mit einer szenischen Lesung, zu deren Umsetzung sie neben sich selber auch freiwillige Studierende animierten, die Missstände hierarchischer Auswahlsysteme in Kulturausschüssen an.

20160506_185947_2

Mit der Videoinstallation „Mirror of Minds“ wies das Künstlerduo OptoPussies auf einen Riss des Großen und Ganzen, einen Riss der Gesellschaft wie der Welt hin: Ein zerbrochener Spiegel als Sinnbild für den Bruch der Gesellschaft; eine Störung des Gleichgewichts und der Gerechtigkeitsverteilung in vielerlei Hinsicht.

DSC03694_2

Einzelschicksale der Hilfesuchenden rief die installative Leseprosa „Ach!…?“ von Elfie Kriester wach und rüttelte darin an den eigenen europäischen Wegsehgewohnheiten.

DSC03749_2

Made in“, eine Fotoserie von Franziska Agrawal, beleuchtete soziale Strukturen weltweit – in einer immer neu ver- bzw. gekleideten Künstlerprotagonisten, die seit einigen Jahren nach den wechselnden kulturellen Identitäten Ausschau hielt.

DSC03758_2

Um Demokratie im Sinne der persönlichen Freiheit ging es der Dresdner Literatin Sabine Dreßler: Ihre Lesung aus ihrem neuesten Buch „Therese“ verfolgte das „selbstbewusste Scheitern“ und, sich die eigene Freiheit herauszunehmen auch andere, als nur erfolgsorientierte Bedürfnisse zu befriedigen.

JPG  wies mit voranschreitenden Programmpunkten immer wieder auf das „UN“ der Beteiligten hin: unkonventionelle, unangepasste, ungebändigte Kunst, die vom Eröffnungspublikum nicht zuletzt dank ständiger Beitrags- und Bühnenwechsel eine dauerhafte körperliche, wie geistige Mobilität forderte!

Eine wichtige Botschaft der Unangepassten: künstlerische Freiheit kann als Seismograph für den Zustand der Demokratie gelten.

Demokratisch kämpft das 2. Festival für unangepasste Kunst rund um ADLER A.F. und JPG weiter und bezieht auf dem #02 Art-Wochenende im Juli (Eröffnung 15.7.) erneut machtvoll Aufstellung.

Eure Daniela Muigg- Dauw

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s