Wer hat hier die Macht? IHR habt hier die Macht!

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Und da fing es an, das Zweite Wochenende des Festivals für unangepasste Kunst! 🙂
Diesmal unter  dem Motto „Macht! Wem gehört die Stadt? Wer ist das Volk?“

Nach einer Intro von JPG hielt die Stadträtin der  Landeshauptstadt Anna Hanusch ihre Eröffnungsrede. Sie stellte klar, dass das Volk, also du und ich, die Macht haben sollten, und dass wir verantwortungsvoll damit umgehen müssen.

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Kunst hängt in Museen? Das war gestern! An diesem Wochenende war der öffentliche Raum Galerie und Projektionsfläche dank kreativer Besetzung. Schon bald füllte sich der Graffiti-Tunnel. Mit ihren Spraydosen haben die Urban Art Künstler Loomit und Co auf virtuose Weise vergessen lassen, dass man sich in einer Fußgängerunterführung zwischen Maria- Ward- Straße und Windrichring befindet. Die perfekte Kulisse für die unangepassten Kunstwerke, die sich wunderbar mit der ‚Untergrund- Kunst‘ verbunden hat.

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Drei Studenten vom Department Kunstwissenschaften hielten eine einprägsame Laudatio zur unangepaßten Kunst, während JPG im Zuge der Macht-Ausstellung erneut durch das Programm führte.

Auch Lilly 3,50 war wieder von der Partie. Ihre prosaische  Lesung mit dem Titel  „Vorwärts! Lilly 3,50 zählt aus!“ kann als Fortsetzung ihres Beitrags am ersten Wochende verstanden werden. Natürlich ging es auch bei ihr um die ungerechte Verteilung der Macht. Außerdem stellte sie klar, dass mit ihrem Künstlernamen nicht die Version 3.50 eines x- beliebigen Computerprogramms gemeint sei.

Hintergrund des „Happenings 32“ von JPG und Miniman war das von den alliierten Besatzungsmächten herausgegebene Kontrollratsgesetz Nr. 32 vom Juli 1946, also auf den Tag genau vor 70 Jahren, welches die früheren Arbeitsschutzbestimmungen der Frauen für Bau- und Wiederaufbauarbeiten einschliesslich Aufräumarbeiten teilweise aufhob. So konnten die sogenannten Trümmerfrauen nach dem 2. Weltkrieg ihre Arbeit, den Schutt der zerstörten Häuser wegzuräumen, aufnehmen. Jetzt sind sie wieder gefragt um die politischen Trümmer aufzuräumen…

JPG hatte ihre Schuhe ausgezogen und rhythmisch gegen die Wand geschlagen, ein Rhythmus den sie bereits zu Beginn der Ausstellung direkt unter einem in die Tunneldecke eingebrannten durchgestrichenen Hakenkreuz angeschlagen hatte. Folglich ein einfacher Rhythmus, den das Vernissage- Publikum durch gezieltes Fuß stampfen aufgegriffen hatte und nun erneut erinnerte.  Miniman bewegte sich mit einem Feuerwehr Handmegaphon durch die Menge und rappte seinen Song „Wer hat hier die Macht, ihr habt hier die Macht“ im gleichen Takt.

Auch hielt JPG hielt auch unter ihrem schwarzen Mantel Schätze in Form von Postkarten verborgen, die sie mit der Frage „Haste mal ne Mark“ unter die Leute brachte. Ihr -ironischer Weise auf Plakaten angekündigter- Schwarzmarktverkauf hatte begonnen.

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Elfi Kriester machte in ihrer installativen Lesung „Passkontrolle“ auf ein durchaus realistisches Szenario aufmerksam, dass ohne irgendetwas von einem Menschen zu wissen ein Urteil rein auf Basis seines Herkunftslandes gefällt wird. Ein Auftritt der zum Nachdenken anregte.

 

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Das Künstlerduo ANRA (Andreas und Ralf Hilbert) war präsent mit einem Zelt aus Plastikplanen. Hier ging es um den gläsernen Menschen, den Überwachungsstaat und die Freiheit. Ein Kronleuchter mit braunen und blauen Keramikaugen anstelle der Glühlampen symbolsierte, frei nach George Orwell, Big Brother, der uns immer und überall, selbst in unserem Zuhause beobachtet.

ANRA zeigte uns auch mehrere beeindruckende Anitkriegskunst Siebdrucke. Auf einem sind Engelwesen erkennbar, die die Läufe von zwei Revolvern blockieren und so Tod und Verderben verhindern. Seit 2005 schreibt das Künstlerduo an ihrem Codex ANRA, auf Leinen und auf Baumwolle geschrieben, bzw. gebrannt. Dabei handelt es sich um einen Lichtcodex in Anlehnung an historische Vorbilder, der eine positive Botschaft vermittelt.  Der genaue Inhalt ist bisher nur dem Künstlerduo selbst bekannt. Zum Thema Macht gibt es auch ein aktuelles Werk: Macht euch selber.

Ein einzigartiger Beitrag kam auch vom Cartoonist Michael Heininger. Kurzer Hand versah er „Fillyponys“, die seiner Meinung nach zum absolut „Kleinkariertesten, das man sich nur vorstellen kann“ gehören, mit Zündhölzern. Mit diesem Werk will er darauf aufmerksam machen, dass Zündstoff von den einfältigen Menschen ausgeht, die nicht einmal davor zurückschrecken Flüchtlingsheime in Brand zu stecken.

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Heininger erinnert uns auch daran, dass unsere Stimme gefährliche Personen ans Ruder bringen kann. No More… In diesem Sinne ist auch sein Werk „Wirr ist das Volk“ zu verstehen.

Damit bezieht er Stellung gegen den Spruch „Wir sind das Volk“, der schwarz- rot-  gold geblendeten Pegida „Patr(Id)ioten“, die damit auch jenen Ruf, mit dem Woche für Woche Hunderttausende DDR- Bürger im ganzen Land gegen die politischen Verhältnisse, mit dem Ziel einer friedlichen, demokratischen Neuordnung demonstrierten, verunglimpft.

 

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Miniman war sowohl im Happening 32 (siehe oben) als auch mit bildender Kunst vertreten.Er zeigte uns ein zerkratztes Polaroid der Angst, die gerade vor ihrer eigenen Selbstauflösung erschrickt. Laut Miniman ist dies dadurch zu schaffen, in dem man sein Bewußtsein auf den gegenwärtigen Moment richetet, denn so löst sich die Angst auf.

Ausserdem zeigte er sein Werk „Golden Handcuffs, Goldene Handschellen“. Eine gesichtslose Person richtet sich vor dem Spiegel ihre Krawatte. Ihre Hände sind durch goldene Handschellen, an den Handgelenken übergehend in goldene Uhren, gebunden. Sowie unser Streben nach angeblichen „Reichtümern“ uns in Wirklichkeit an unsere Jobs fesselt und uns keine Zeit für die wirklich wichtigen Sachen lässt. „Unsere Zeit ist begrenzt!“ Es wird Zeit die Handschellen loszuwerden, auch goldene Handschellen sind Handschellen. „Grow or die trying!“

Die australische Künstlerin Penelope Richardson  hatte ein Kunstwerk, das aus 75 Kilo  bayrischen Kartoffel in einem Gefahrenquadrat, eingewickelt in ein Absperrungsband, mitgebracht. Und auch überirdisch luden ihre Kartoffelsäcke zur Begehung der Ausstellung ein. Allerdings bekamen diese Säcke, in einer Stadt wie München, bereits nach der ersten Ausstellung Füße und verschwanden spurlos :-)). Für die Künstlerin stehen die Kartoffeln für das Volk und für die Kraft eine Hungersnot mildern zu können. Damit nimmt die Künstlerin Bezug auf eine Geschichte über den Alten Fritz (König Friedrich der Große von Preußen). Damals waren die Zeiten schlecht und als das Volk hungerte, wollte der Alte Fritz seinem Volk die Kartoffel schmackhaft machen. Sie wurde aber vom Volk nicht angenommen und der Alte Fritz griff nach einer List. Er pflanzte in seinem Schlosspark Kartoffeln an, die angeblich nur für ihn und seine Gäste vorbehalten waren. Er ließ den Kartoffelacker, zum Schein sogar bewachen, aber die Soldaten hatten den Auftrag, wegzugucken, wenn Diebe kämen. Und die kamen, denn die Leute waren neugierig und wollten auch des Königs köstliche Knollen kosten. Und bald waren die Kartoffeln Deutschlands Liebingsspeise.

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Teile des Kunstwerks plus Siebdruck verkaufte die australische Künstlerin am Ende der Ausstellung mit der Bedingung, Photos vom fertigen Gericht zu verbreiten.
Eine Dokumenation, die vielleicht sogar als Basis für nächste Kunstwerke dienen könnte.

In diesem Sinne, bis zum nächsten Wochenende für unangepasste Kunst mit Partizipation im Oktober!

Eure Daniela

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Heiße Kunst im kühlen Tunnel…

Liebe Kunstfreunde!

Am kommenden Freitag um 18h wird Teil #2 des 2. Festivals für unangepasste Kunst frei nach dem Motto „Uns gehört die Stadt/Wer ist das Volk?“ eröffnet. Ein Event, das euch definitiv die Augen öffnen und den Tunnelblick nehmen wird.

Perfekt zum Thema ist die Location für das Happening im Kunstraumuntergrund im Nymphenburger Tunnel gewählt. Hier werden am Wochenende verschiedenste Kunstwerke inmitten der Kunst des pulsierenden städtischen Lebens präsentiert.

Die Location ist traumhaft, und die Aufbauarbeiten schon voll im Gange.

Verraten wird noch nix, aber wie immer werden die Künstlern rund um Schirmfrau Adler A.F. und Co- Kuratorin JPG ‚Nix Normalix‘ auf die Bühne bringen! Selbstverständlich stehen politisch brisante Themen auf der Agenda 2016.

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Freut euch auf die Schirmfrau Adler A.F., JPG, Franziska Agrawal, das Kunstlerduo ANRA, Michael Heininger, Elfie Kriester, Lilly 3.50, MINIMAN, Penelope Richardson und viele mehr!

Wir freuen uns auf euer Kommen und auf ein tolles, unangepasstes Kunsthappening! 🙂

Eure Daniela