3 Leute, 3 Fragen, 3 Themen

Ein E-Mail-Interview mit Anna Hanusch (Vorsitzende des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg und Robert Kulzer (Vorsitzender des Bezirksausschusses Berg am Laim)

Foto von Brigitte Mair-Wellner  Hanusch_Foto von Simone Gross

Foto von ANRA

Liebe Frau Hanusch und lieber Herr Kulzer,

vielen Dank für Ihre Eröffnungsgrüße unserer unangepassten Ausstellungen diesen Mai (Foto 1) und Juli (Foto 2, 3) in Ihren Bezirken.

1.) Wie würden Sie Ihre Haltung zur Demokratie beziehungsweise zur Macht zusammenfassen?

Frau Hanusch: Demokratie ist immer wieder eine Herausforderung – es ist anstrengend aber immer noch die beste Regierungsform um für möglichst viele gute Entscheidungen zu treffen und eine Machtmissbrauch von einzelnen langfristig zu verhindern. Dazu müssen die Entscheidungsprozesse transparent sein. Diejenigen mit Macht über Informationen und Entscheidungen müssen immer in dem Bewusstsein leben dass diese Macht nur geliehen ist. Wenn Sie sich an diese Macht klammern oder sie ausnützen gerät die Demokratie in Gefahr.
Das ist sie also eigentlich immer, den Macht verführt dazu sie auszunutzen. Demokratie oder Beteiligung wird aber oftmals missverstanden, dass jetzt jemand genau seine eigenen Interessen durchgesetzt oder vertreten sehen will. Aber es ist ein langer Aushandlungsprozess und erfordert Beharrlichkeit, Geduld und auch Vertrauen.
Herr Kulzer: Diese Frage ist brandaktuell. Vor einigen Jahren hätte ich wahrscheinlich noch gesagt, die Demokratie ist die logische und selbstverständliche Staatsform des 21. Jahrhunderts. Alles andere wäre quasi undenkbar gewesen. Aber die Entwicklungen in den letzten Jahren, ja Monaten, zeigen uns, dass Demokratie – und die damit einhergehende Selbstbeschränkung von Macht -, keineswegs als selbstverständlich hingenommen werden dürfen, sondern vielmehr aktiv verteidigt, beschützt und auch wertgeschätzt werden müssen. Demokratie ist verletzlich, das zeigen nicht nur die Ereignisse in Ländern wie Russland, Polen, Ungarn, aktuell Türkei und USA, sondern auch das Geschehen an Stammtischen, auf Marktplätzen und in Parlamenten in Deutschland. Und: Demokratie braucht Demokraten, keine Zuschauer.

2.) Gibt es Werke, Blickwinkel, Positionen, … der #part1/Demokratie- und #part2/Macht-Ausstellung, die Sie – positiv wie negativ – überraschten?

Herr Kulzer: Zunächst einmal war es für mich überraschend, – zumindest auf den ersten Blick -, dass sich Kunst überhaupt so intensiv mit diesen politischen Begriffen befassen will. Politik als Thema besitzt ja zur Zeit nicht so die große Attraktivität. Aber beim näheren Hinschauen kommt dann sehr schnell die Erkenntnis, dass sich Kunst und Politik hier sehr gut ergänzen. Politik, Demokratie gehen uns alle gemeinsam an, ganz gleich, ob wir Künstler sind, Studierende, Kunstinteressierte, Event-Besucher oder ehrenamtlich tätige Bezirksausschussmitglieder. Die Ausstellung im Mai, bei der ich mitwirken durfte, hat es in meinen Augen sehr gut geschafft, einerseits den Blick auf die aktuellen Sorgen und Nöte der Demokratie zu richten, und gleichzeitig deutlich zu machen, was Demokratie für jeden Einzelnen bedeutet – und auch, was das Fehlen von Demokratie bedeuten würde.
Frau Hanusch: Positiv überrascht haben mich die Performances die sowohl im Raum der Unterführung ein ganz neues Gefühl für den Ort entstehen ließen und mich für unserer Sprache begeistert haben, mit der soviel ausgedrückt werden kann durch die Zusammenstellung und Konzentration von eigentlich ganz banal erscheinenden Worten und Sätzen. Und die Freude, dass Kunst immer wieder schafft den Blick zu schärfen und junge und alte Künstlerinnen mit viel Verstand politisch und kritisch die Welt hinterfragen.

3.) Unser Festival #part3/Partizipation wird demnächst, Anfang Oktober, stattfinden. Welche Teilhabe der Konstellation „BA-Künstler-Besucher-Medien“ ist in Ihren Augen möglich bzw. ausbaufähig?

Frau Hanusch: Immer wieder aufs neue Versuche neue Besucherkreise zu erschließen – ich werde im BA noch einmal Werbung machen, denn Haus Mucca liegt ja auch in unserem Stadtbezirk. Bei Partizipation wäre es schön wenn die Kunstprojekte durch die Besucher erweitert und weiter gestrickt werden können.
Herr Kulzer: Partizipation ist in der Demokratie wie in der Kunst wahrscheinlich einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste, Schlüsselbegriff. Demokratie kann ohne Partizipation, ohne die aktive Mitarbeit von möglichst vielen Menschen, nicht funktionieren. Demokratische Wahlen brauchen eine hohe Wahlbeteiligung, damit die Ergebnisse von Wahlen auch akzeptiert und ernst genommen werden. Eine Demokratie, bei der die Mehrheit der Wähler nicht teilnimmt, mag formell noch eine Demokratie sein, aber sie wird irgendwann unglaubwürdig. Mehr noch als Wähler brauchen wir Bürger, die sich aktiv in den demokratischen Parteien engagieren, die an der Zielsetzung und Ausgestaltung der Demokratie partizipieren. Demokratie ist zu wichtig, um sie einigen wenigen Berufspolitikern zu überlassen, das sage ich ganz bewusst.
Aber auch die Kunst lebt von Partizipation. Klar ist Kunst auch Selbstzweck und Selbstverwirklichung, aber die Botschaften, die Kunst vermitteln kann, müssen bei den Menschen schon auch ankommen. Wenn ich den großen Einsatz, den Aufwand und auch die Leidenschaft der Künstler bei vielen Ausstellungen sehe, dann denke ich mir oft, Mensch, da hätten ein paar Besucher mehr jetzt sicher auch Gefallen daran gefunden. Und wo wäre diese Partizipation richtiger und wichtiger als bei einem Event zum Thema Partizipation? Dass das immer besser gelingt, das wünsche ich dem Münchner Festival für unangepasste Kunst.

Merci!

Das Interview wurde durchgeführt von JPG.

Foto 1 von B. Mair-Wellner: Demokratie-Eröffnung in der Galerie LUXESE. Studierende, Gäste (R. Kulzer dritter v. re.) und Künstler (li. ADLER A.F., JPG, Mitte S. Dreßler)
Foto 2 von S. Groß: Eröffnungsgrüße von A. Hanusch zur Macht-Open-Air-Ausstellung in der Unterführung Nymphenburger Schloss/Botanischer Garten
Foto 3 von ANRA: Art-Happening zur Macht-Vernissage
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